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Diese Ausführungen sollen dem Leser klarmachen, daß die Gallier
und Germanen sich so grundsätzlich voneinander unterscheiden, daß
eine Eroberung Galliens richtig und sinnvoll ist, eine Eroberung Germaniens
aber vollkommen sinnlos und unnötig riskant wäre. Zeitler schreibt
hierzu: “Die Gallier, ein Volk, daß es verdient und das es nötig
hat, römisch zu werden - die Germanen, ein Volk, an dem jede Muße
hierfür vergeblich wäre.” Zeitler weiter: “Der
Exkurs begründet diesen Rat (von einer Ausdehnung des Imperiums auf germanisches
Gebiet abzusehen) materiell - bei den Germanen gibt es nichts zu holen, militärisch
- die Germanen ziehen mit ihrem ganzen Lebensvollzug auf größtmögliche
Kriegstüchtigkeit, psychologisch - die Germanen sind von ihrer Grundeinstellung
kein Volk, das sich im geordneten Rahmen beherrschen läßt”
Trotz all dieser Argumente zeigt Caesar jedoch nicht, warum er erst den
Rhein überquert, um sich dann doch wieder zurückzuziehen.
IV. Der Quellenwert des BG unter besonderer Betrachtung des Gallien-ExkursesTrotz aller bisher aufgeführten Argumente, welche die subjektive
Berichterstattung Caesars erkennen lassen, ist der Quellenwert des Bellum
Gallicum unbestritten. Der Leser muß sich nur stets über Caesars
Beweggründe bewußt sein. Er hat sich stets die Frage zu stellen, wo
Caesar Nutzen aus einer subjektiven Darstellung zog und wo sie überhaupt
möglich war. Wie schon erwähnt, konnte Caesar bei der Schilderung des
Verlaufs von Schlachten und bei der Angabe von Feindesstärke die
Wirklichkeit nicht wesentlich verfälscht wiedergeben, da hier wohl die
Berichte der Soldaten ihm deutlich widersprochen hätten. Die Angabe von
Kriegsgründen ist oben schon behandelt worden, hier muß man den
Bellum Gallicum stets mit Blick auf die römische Außenpolitik
betrachten.
Ganz allgemein ist zu sagen, daß Caesar wohl die Wahrheit nur selten
kraß verfälschen, öfter übertrieben wiedergeben und ebenso
oft verschweigen konnte. So ist die Darstellung seiner Gegner meistens eine
einseitige, überzeichnete Darstellung, die positiven Eigenschaften werden
von Caesar verschwiegen, wenn sie nicht in das Bild des gefährlichen,
ernsten Gegners passen, die negativen werden hervorgehoben und ausgemalt. Ich
will an dieser Stelle nochmals auf die Charakterisierung Ariovists in BG I, 31
eingehen, da sie für das Vorgehen Caesars bezeichnend ist. Über
Ariovist, der mit der Eroberung des Sequaner- und des Häduer-Gebietes
durchaus militärische Erfolge vorzuweisen hat, berichtet Caesar nur
hinsichtlich seiner crudelitas. Die Herrschaft des Ariovist mag zwar grausam
gewesen sein, doch letztlich ist er wie Caesar Eindringling in ein fremdes
Gebiet und auch Caesar ist bei der Eroberung Galliens gewiß nicht immer
sanft vorgegangen. Doch wie es sich für einen Gegenspieler des Autors
gehört, ist Ariovist in Caesars Darstellung die Verkörperung aller
Barbarei.
Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Bearbeitung des Bellum Gallicum ist
die unterschiedliche Auffassung eines Textes. Die Interpretation eines Textes
ist stets gezwungenermaßen subjektiv. Wie in der Geschichte über die
drei Blinden, die einen Elefanten jeweils an verschiedenen Körperteilen
anfassen und somit zu völlig verschiedenen Eindrücken kommen, so
wertet jeder Leser verschiedene Textstellen verschieden stark und empfindet sie
verschieden. Und so wie Caesar durch seine Subjektivität in seiner
Darstellung nicht frei war, so sind wir es heute durch unsere politischen
Ansichten (man vergleiche das Verständnis vom bellum iustum), durch unsere
Vorbildung (so zum Beispiel in der Schilderung des hercynthischen Waldes) und
durch viele andere Einflüsse. Collins schreibt: “So in our attempts
to understand a complex historical personality such as Caesar, we are blinded by
the two thousand years of time, cultural change, and destruction of records that
lie between us and him, and our different directions of approach are the varying
emphases we lay on those parts of the raw stuff of the sources that strike our
individual minds most
strongly.”[25]
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